Gmunden, 27.10 bis 30.10.2016

Politik der gemischten Gefühle.
ANGST.FURCHT.SORGE

 

Ende der 80iger Jahre erschien in Österreich das Buch von Josef Haslinger Politik der Gefühle. Politik in Österreich sei Sache des Geschmacks geworden. Sie agiere nach dem Verfahren der Warenästhetik, nach der Praktik der Produktwerbung, wodurch am Ende zwischen Waldheim und Pepsi-Cola kein prinzipieller Unterschied mehr bestünde. Haslingers These war, dass die politischen Kräfte mehr Stimmung als Politik machten. Oder besser: Sie nahmen Stimmungen auf und versuchten auf ihnen durchs Geschehen zu „surfen“.
Auf diese Weise - man sieht es heute - kam es zu einer Entkernung der Politik, die Phänomene wie Berlusconi und last not least Trump ermöglichte. Es sind Politiker, die in erster Linie nicht strategisch reflektiert fürs Gemeinwohl handeln, obwohl sie es natürlich behaupten. Es sind Politiker, die ihre Macht akkumulieren, indem sie ihr Publikum in Stimmung bringen, vorhandene oder erst durch sie hervorgebrachte Gefühle aufputschen. Es ist auch eine Hetz. „Warum werden die Leute Trump wählen?“, fragt sich der Politikwissenschaftler Van Reybrouck und er antwortet: „Weil es Spaß macht.“ Und es macht Spaß, weil man mit einer Stimme für Trump dem politischen Establishment „den Mittelfinger“ zeigt.
Gefühle sind ein unvermeidlicher „Rohstoff“ des Politischen. Eine Politik ohne Gefühle wäre ein rationalistisches Phantasma. Die Reduktion des Politischen auf rationale, die Leidenschaften abwehrende, nüchterne Interessen (woran „die Liberalen“ zu glauben scheinen) geht vor allem in Krisenzeiten ins Leere. Was Krisen verursachen, kann man „gemischte Gefühle“ nennen: Ängste und Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen, Hass und „Liebe“ (libidinöse Besetzungen der Führer, die sich dafür anbieten und in Szene setzen).
In dieser Konstellation ist die einlullende Phrase inflationär geworden: „Wir müssen die Sorgen und die Ängste der Menschen ernst nehmen.“ Allmählich schlich sich sogar die Ansicht ein, wer Sorgen und Ängste hat, wäre damit bereits im Recht und dürfe legitim Ansprüche stellen. Wissenschaften wie die Psychologie, die Geschichtswissenschaft, die Soziologie und die Philosophie
haben seit eh und je die Frage gestellt, was denn das überhaupt ist: Angst, Furcht und Sorge. Auch die Kunst, nicht zuletzt die Literatur, hat, soweit menschenmöglich, Licht in die Wirrnis der gemischten, politisierbaren und manipulierbaren Gefühle gebracht.

Darüber und auch über die begründeten Ängste in der derzeitigen politischökonomischen Krise wollen die Teilnehmer an den OBERÖSTERREICHISCHEN KULTURVERMERKEN 2016 referieren und diskutieren.

(Franz Schuh)