Gmunden, 27.10 bis 30.10.2016

Sonntag, 30. Oktober 2016

10:00 Uhr

Christian Schacherreiter
Zukunftsangst und Schulreform

Christian Schacherreiter

Täuscht der Eindruck, oder stimmt es wirklich, dass in materiell reichen Gesellschaften nicht weniger Zukunftsangst herrscht als in ärmeren? Auffällig ist zumindest, dass die Standardforderung unserer Zeit, die nach Reformen, zu einem guten Teil mit Zukunftsangst Hand in Hand geht. Wenn wir verhindern wollen, dass Österreich „versandelt“ (O-Ton Christoph Leitl), dann müssen wir… ja, was müssen wir denn eigentlich? Na, reformieren! Da Bildung als unverzichtbare Voraussetzung für die Sicherung des Wohlstands betrachtet wird, müssen wir auch die Schule reformieren, und zwar im Hinblick auf ökonomische Zwecke, sonst sind unsere Kids nicht „fit für das 21. Jahrhundert“. Wer soll dann die Pensionen zahlen? - Und schon kriecht jene Angst durch alle Ritzen, die bekanntlich ein schlechter Ratgeber ist. Angst erzeugt Unsicherheit. Und reflexartig setzen wir auf Absicherung. Reglementieren, Standardisieren, Zentralisieren, Kontrollieren und alles Vermessen, damit „gesicherte“ Zahlen vorliegen - das sind derzeit die Prioritäten der Reform. Wird sie zum erhofften Erfolg führen?

Christian Schacherreiter, 1954 in Linz geb., Germanist, Literaturkritiker und Autor. Studium der Germanistik und Geschichte an der Universität Salzburg. Freier Mitarbeiter des ORF von 1982 bis 1992. Von 2002 bis 2016 Direktor eines Linzer Gymnasiums. Kolumnist und Literaturkritiker für die oberösterreichischen Nachrichten. Mitglied des Adalbert Stifter Instituts Linz. Zahlreiche Publikationen, zuletzt erschienene Bücher: Der Wappler. Das österreichische Deutsch in Anekdoten (2006), Diese ernsten Spiele. Eine Kindheit im Innviertel (2011), Wo die Fahrt zu Ende geht (2015).

10:30 Uhr Lutz Ellrich
Ängste in der Spätmoderne. Von der erschöpften zur furchtsamen Gesellschaft
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Lutz Erich

Noch vor einigen Jahren kursierte die sozial-psychologische Diagnose, dass immer mehr Menschen in den westlichen Gesellschaften von Erschöpfung und Depression geplagt werden. Als Ursache galt der ständig steigende soziale Druck, der auf den Einzelnen lastet. Freiwillig und lustvoll sollten sie ihr unternehmerisches Selbst entfalten und die eigenen Potenziale gänzlich ausschöpfen. „Überforderung“ hieß damals die Problemformel. Heute ist allenthalben die Rede von grassierenden Abstiegsängsten, die sich auch nicht durch grenzenlose Leistungsbereitschaft eindämmen lassen. Hinzu kommen die Ängste vor Überfremdung und Terror, vor Big Data und staatlicher Totalkontrolle. - Es stellt sich nun die Frage, ob und in welchem Maße diese Ängste berechtigt sind, ob sie nicht auch vielfach der Einbildung entspringen oder mit einer Rhetorik beschworen werden, die verborgenen Zwecken dient.

 

Lutz Ellrich, Prof. em. für Medienkulturwissenschaft an der Universität Köln. Studium der Philosophie, Soziologie und Theaterwissenschaft. Forschung Schwerpunkte: gesellschaftstheoretisch orientierte Medienanalyse, Surveillance Studies, Verstehen fremder Kulturen, Organisations- und Konfliktforschung, experimentelles Theater. Aktuelle Projekte: Facetten der Gewalt; Misstrauen in Bürokratien, Netzwerken und Märkte; Recht und Unrecht der Piraterie. Publikationen u. a.: Beobachtung des Computers (1995), Verschriebene Fremdheit (1999), Die Unsichtbarkeit des Politischen (2009), Vorführen und Verführen. Vom antiken Theater zum Internetportal (2011). Facetten der Gewalt (2014).

11:00 Uhr Jürgen Spitzmüller und Christian Bendl
Rassismus in sozialen Netzwerken
Jürgen Spitzmüller
Christian Bendl

Wenn in den letzten Jahren von Verschärfungen des Tons - oder kulturkritischer: von „Verrohung“ - im gesellschaftlichen Diskurs die Rede war, dann war damit zumeist, jedenfalls primär, gesellschaftspolitische Kommunikation im Internet, v.a. in Foren und sozialen Netzwerken, gemeint. Dort, so der Anschein, können sich Menschen hinter dem Schleier von Pseudonymen „hemmungslos austoben“ (wie die Kritiker monieren) bzw. „frei, ohne Einschränkung durch die Hegemonie der politischen Korrektheit, ihre Meinung sagen“ (wie es nicht zuletzt die sich äußernden Personen selbst häufig postulieren). Was geht in den sozialen Netzwerken vor sich? Finden wir dort tatsächlich eine zunehmen- de politische Radikalisierung bis hin zu einem neuen Rassismus? Und wenn ja, wie äußert er sich? Welche spezifischen Ausdrucksformen - von Sprache bis hin zu Bildern und Filmen - werden genutzt? Und sind die sozialen Netzwerke wirklich (herrschafts-) freie Zonen, die „vox populi“ oder aber ein Hort der Unkultur? Am Beispiel rezenter Debatten und auf der Grundlage der aktuellen Forschungsbefunde zu computervermittelter (politischer) Kommunikation gehen die Referenten diesen Fragen nach.

Jürgen Spitzmüller, in Baden-Württemberg geb., studierte Germanistik und Geschichtswissenschaft in Freiburg i. Br. Nach Stationen an den Universitäten Zürich und Hamburg ist er seit 2015 Inhaber der Universitätsprofessur für Angewandte Sprachwissenschaft am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen u.a. Diskursanalyse und Sprachideologien. Jürgen Spitzmüller lebt in Wien.

Christian Bendl, in Wiener Neustadt geb., studierte Sprachwissenschaft in Wien. Er ist Universitätsassistent und Doktorand am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte liegen aktuell in der Analyse von Zeichen und Diskursen im (öffentlichen) Raum sowie der „Neuen Rechten“ in Europa. Christian Bendl lebt in Gainfarn/Bad Vöslau.

11:30 Uhr

Gesprächsrunde mit Christian Schacherreiter, Lutz Erich, Jürgen Spitzmüller und Christian Bendl

Moderation Peter Huemer

 

 

Anschließend Anschließend Treffpunkt Foyer
 

 

14:00 Uhr

Klaus Kastberger

Ödön von Horváth in der Krise. Zur Entstehung des Faschismus

Klaus Kastberger

Vor Kurzem wurde in Wien ein unbekanntes Stück Ödön von Horváths uraufgeführt. Es trägt den Titel Niemand und stammt aus dem Jahr 1924. Der Regisseur, Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger, vermeinte schon in diesem Text zumindest ansatzweise eine Kritik am aufkommenden Faschismus am Werk. Das ist die Art und Weise, in der Horváth bis hin zu seinen großen Volksstücken gemeinhin gelesen wird. Die Krise aber, um die es bei diesem Autor geht, scheint umfangreicher und größer. Nicht zuletzt infiziert sie in den Jahren von 1933 bis 1938 auch Horváths Biografie.

 

Klaus Kastberger, 1963 in Gmunden geb., Professor für Neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz und Leiter des Literaturhauses Graz. Literaturkritiken, Kuratierung von Ausstellungen und Veranstaltungsreihen, Leitung von Forschungsprojekten, Arbeitsschwerpunkt: Österreichische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Herausgeber und Mitherausgeber zahlreicher Sammelbände (Wiener Gruppe, Heimrad Bäcker, Richard Billinger, Andreas Okopenko, George Saiko, Peter Handke, Friederike Mayröcker, Gunter Falk, Marianne Fritz) und der historisch kritischen Ausgabe Ödön von Horváths (2009ff.). Seit 2015 Juror beim Bachmann-Preis. Bücher (u.a.): Reinschrift des Lebens. Friederike Mayröcker „Reise durch die Nacht“ (2000); Vom Eigensinn des Schreibens. Produktionsweisen moderner österreichischer Literatur (2007).

 

Leitung von Forschungsprojekten (www.handkeonline.onb.ac.at)

 

14:30 Uhr

Christoph Leitgeb

Kleines Wörterbuch um die Erinnerung von Angst. Unheimliches, Erhabenes und das Abenteuer der Katastrophe

Christoph Leitgeb

Wie wird Angst erzählt, wie wird sie durch Erzählung von der Person gelöst und wie geht Angst in ein kollektives Gedächtnis ein? Zwei unterschiedliche Konzepte dazu sind das „Unheimliche“ bei Freud und das „Erhabene“ bei Kant. Lyotard analysierte, wie im 20. Jahrhundert das Erhabene verzerrt und die Aufhebung von Angst für eine totalitäre Ästhetik genutzt wurde. Eine Anwendung von Lyotards Ansatz auf Texte von Heimrad Bäcker und Thomas Harlan zeigt: Auch die im verzerrten Erhabenen aufgehobene Angst kann als Unheimlichkeit neu entdeckt werden. Dann wird sie im Widerstreit von Stimmen sichtbar; das Unheimliche tritt als Grenzphänomen zwischen kommunikativem und institutionalisiertem Gedächtnis auf. Diese Vor- und Rückläufigkeiten innerhalb von Stationen eines Kreislaufs der Angst sind symptomatisch für eine Gesellschaft: das Auftreten der Angst, ihre Verdrängung und Aufhebung in Phänomenen wie dem Erhabenen, ihr Wiederauftreten im Unheimlichen, die Konventionalisierung und Zurichtung der Unheimlichkeit zum Genuss.

Christoph Leitgeb, 1962 in Innsbruck geb., Univ.- Doz. für Neuere deutsche Literatur, Mag. phil. Dr. phil. Studium der Geschichte, Anglistik/Amerikanistik und Germanistik in Salzburg. Mitarbeiter an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (seit 2004), Lehraufträge an der Germanistik Salzburg und für Deutsch als Fremdsprache an der Universität Linz; Arbeit in literaturwissenschaftlichen Forschungsprojekten und wissenschaftlicher Redakteur der Zeitschrift Sprachkunst; Gastprofessor in Leiden (2016); früher Lektor in Sheffield, Osaka und Olmütz und Literaturkritiker für die Tageszeitung Der Standard.

 

15:00 Uhr

Anton Thuswaldner

Boualem Sansal: 2084

Anton Thuswaldner

1984 war einmal, jetzt steht 2084 an, ein Jahr, das die Orwell‘schen Visionen noch einmal verschärft. Die soziale Kontrolle, die Überwachung des Individuums und die Vernichtung alles Abweichenden geschieht jetzt im Namen einer Religion, die die Vergangenheit abgeschafft hat als einen Störfaktor, der eine auf Linie gebrachte Masse abtrünnig werden lassen könnte. Der algerische Autor Boualem Sansal entwirft in seiner Dystopie das Bild einer Zeit, in der die „Herrschaft des Einheitsdenkens“ Freiheit nicht einmal mehr als Wort zulässt. Angst ist der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.

Anton Thuswaldner, 1956 in Lienz geb., Literaturkritiker. Studium der Germanistik und Geschichte in Salzburg. Lebt als Literaturkritiker ebenda, wo er für in- und ausländische Medien (Salzburger Nachrichten, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Die Furche) arbeitet. Von 1993 bis 2012 war er Jurymitglied des „Aspekte“-Literaturpreises. 1996 wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik ausgezeichnet. Mehrere Buchveröffentlichungen, zuletzt erschienen: Österreichisches Lesebuch (Hg., 2000), Kaprun. Steinstunden (2005), Das jüdische Budapest (mit Péter Nádas, 2010), Salzkammergut schauen. Ein Blick ins Ungewisse (mit Christian Dirninger und Thomas Hellmuth, 2015).

In der Pause Treffpunkt Foyer
   
16:00 Autorenlesung
Stefan Slupetzky
Der letzte große Trost
Stefan Slupetzky

Stefan Slupetzky, bisher als Krimiautor bekannt und vielfach ausgezeichnet, legt einen berührenden Roman über die Bürde der Geschichte und das Abschiednehmen vor. - Friedenszeit in Österreich - seit zwei Generationen schon - ist für Daniel Kowalski eine Selbstverständlichkeit. Für seine Eltern war es das nicht. Sein seit langem verstorbener Vater entstammte einer der prominentesten Kriegsverbrecherfamilien der Nazizeit, in der Chemiefabrik des Großvaters wurde Zyklon B hergestellt. Daniels Mutter hingegen ist Jüdin und verlor ihre ganze Familie im Holocaust. Eines Tages erhält er einen Brief seiner Großtante aus Israel. Sie teilt ihm mit, dass sie ein Haus aus Familienbesitz verkaufen will, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Ob er es vorher noch einmal besuchen möchte? Als Daniel den Keller des Hauses entrümpelt, macht er eine Entdeckung. Er stößt auf ein Tagebuch, dessen Lektüre den Verdacht in ihm weckt, dass sein Vater seinen Tod nur inszeniert hat, um ein zweites Leben zu beginnen. Aber warum? War die Last der Geschichte zu erdrückend für diesen sensiblen Mann? Daniel beschließt, sich auf die Suche zu machen. - Stefan Slupetzky hat seine eigene Familiengeschichte zum Anlass genommen, diesen ergreifenden Roman über das Reisen und die Suche nach Identität zu schreiben.

 

Stefan Slupetzky, 1962 in Wien geb., schrieb und illustrierte mehr als ein Dutzend Kinder- und Jugendbücher, für die er zahlreiche Preise erhielt. Seit einiger Zeit widmet er sich vorwiegend der Literatur für Erwachsene und verfasst Bühnenstücke, Kurzgeschichten und Romane. Für den ersten Krimi um seinen Antihelden Leopold Wallisch, Der Fall des Lemming, erhielt Stefan Slupetzky 2005 den Glauser-Preis, für Lemmings Himmelfahrt den Burgdorfer Krimipreis. Lemmings Zorn wurde 2010 mit dem Leo Perutz-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr gründete Stefan Slupetzky ein Wienerlied-Trio, das Trio Lepschi, mit dem er seither als Texter und Sänger durch die Lande tourt. Stefan Slupetzky lebt mit seiner Familie in Wien.

 

17:00 Uhr

Gesprächsrunde mit Klaus Kastberger, Christoph Leitgeb, Anton Thuswaldne und Stefan Slupetzky

Moderation Peter Huemer

   
Anschließend Anschließend Treffpunkt Foyer