Gmunden, 13. bis 16.10.2011

Sonntag, 16. Oktober 2011

  Musik - Mieze Medusa
so 16 10 2011 mieze medusa Hip-Hop, Rap und Spoken-Word-Performance sind die Ausdrucksformen, mit denen die 1975 als Doris Mitterbacher geborene Künstlerin heute ihren Worten freien Lauf lassen kann. Von Anfang an habe sie gewusst, dass sie schreiben wolle, erzählt Mieze Medusa. Jedoch wagte sie sich zunächst nicht an die Literatur heran – die Welt der Dichtung mit ihren schier unüberschaubaren Möglichkeiten verlangte ihr allzu großen Respekt ab.
„Poetry Slams“ heißen jene Dicht-Wettbewerbe, die, aus Amerika kommend, längst auch hierzulande ein meist junges Publikum erfreuen: In einem begrenzten Zeitrahmen von etwa fünf Minuten soll die Hörerschaft mit Witz, Geist und erfinderischer Vortragskunst für literarische Texte gewonnen werden. Da darf geflüstert, gehechelt, getanzt oder mit der Zunge geschnalzt werden, oberste Vorgabe ist es, das Publikum mitzureißen. Das Aufeinandertreffen und das Zusammenspiel der Vortragenden mit ihren Zuhörern – das ist für Mieze Medusa das Wesen dieser Kunstform: eine bleibende Begegnung.

10:00 Uhr

Alexandra Föderl-Schmid
Mehr Licht in den Journalismus!

so 16 10 2011 foederl-schmid alexandra

Journalismus und Politik sind in Österreich eng verzahnt. Es gibt ein selbstreferenzielles System: (Fast) jeder kennt jeden. Rund hundert Millionen an Steuergeldern werden pro Jahr für Regierungsinserate aufgewendet. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk reden die Parteien bei Postenbesetzungen mit. Das hat Auswirkungen auf die Berichterstattung und das demokratische System in Österreich.

Alexandra Föderl-Schmid, geb. 1971 in Haslach; 1989-1993 Studium Publizistik, Politik, Geschichte; 1996 Promotion; ab 1990 „Der Standard“, zuerst Mitarbeit in Linz und Wien; 1993 – 1998 Deutschland- Korrespondentin; 1998 – 1999 Mitglied in der außenpolitischen Redaktion; 1999 – 2005 Deutschland- Korrespondentin; 2005 EU-Korrespondentin in Brüssel; 2006 Ressortleiterin Wirtschaft; 2007 Chefredakteurin „Der Standard“, Wien.

10:30 Uhr Barbara Tóth
Missstände im System
so 16 10 2011 barbara toeth

Bei Journalistenbefragungen gibt ein Großteil der Medienarbeiter an, „den Leser aufzuklären“ sei für sie ein wichtiges Motiv. Aber was heißt das genau? Wo endet die Aufklärung, wo beginnt die Bevormundung – und ab wann haben wir es mit Beeinflussung zu tun? Und wer klärt am Ende über die Missstände in jenem System auf, dass sich selbst vollmundig als vierte Macht im Staat versteht? Das sind Fragen, die sich seit dem Murdoch-Skandal in Großbritannien aktueller denn je stellen, auch und gerade in Österreich.

Barbara Tóth, geb. 1974, ist promovierte Historikerin und arbeitet als Redakteurin für die Wiener Wochenzeitung „Falter“. Die Milena-Jesenská-Preisträgerin beschäftigt sich u.a. mit den Themen Mitteleuropa, Gesellschaftspolitik und österreichische Zeitgeschichte. Im Jahr 2009 war sie Wahlbeobachterin im Rahmen der Kulturhaupstadt Linz09. Zuletzt von ihr erschienen: Karl Schwarzenberg mit Barbara Tóth: Unterschätzen Sie nicht meine Boshaftigkeit. Ein Gespräch (Residenz Verlag).

11:00 Uhr Konrad Becker
Die Schatten der Ideen und die Gespenster der Moderne
so 16 10 2011 konrad becker

Die im Zuge der Aufklärung geschaffenen Grundlagen heutiger Wissenschaft und Ökonomie lösten irreversible Prozesse der Automatisierung, Informatisierung und Virtualisierung aus. Diese historische Entwicklung, in der Vernunft und Wahn untrennbar verbunden sind, eskaliert in eine Zukunft technologischer Hypervernetzung, in der soziale Beziehungen maschinellen Codes unterworfen sind.

Konrad Becker, Medienforscher, Künstler und Produzent im Bereich elektronische Medien; Leiter des Instituts für Neue Kulturtechnologien/t0 u.a. Initiator von „World- Information.Org“; Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen und Medien, u. a. Nach dem Ende der Politik (2011) Critical Strategies in Art and Media (2010), Strategic Reality Dictionary (2009), Deep Search (2009).

11:30 Uhr Gesprächsrunde mit Alexandra Föderl- Schmid, Barbara Tóth, Konrad Becker
Moderation Peter Huemer
   
17:00 Uhr Knut Boeser
Worte suchen. Von der einfachen Bejahung
so 16 10 2011 knut boeser

Das Resümee ist bitter: wir haben es versaubeutelt. Wir haben versagt: ökonomisch, ökologisch, ideologisch, philosophisch, religiös. Die allgemeine Stimmung ist depressiv und voller Angst und Hoffnungslosigkeit. Es gibt keinen Bereich, in dem wir nicht alles falsch gemacht haben. Wir richten die Natur und damit uns, die wir Teil der Natur sind, zugrunde; zuvor lügen, betrügen, stehlen und morden wir ohne Ende. Und wer in diesem Irrsinn versucht, ein anständiger Mensch zu sein – davon gibt es ja noch immer sehr viele – wird betrogen und bestohlen und dann beschuldigt, selber schuld an seinem Schicksal als Opfer zu sein, weil er offenbar nicht begriffen hat, dass die Natur des Menschen, will er sich durchsetzen, verabscheuungswürdig und fatal ist. Der kategorische Imperativ ist für den erfolgreichen Spekulanten und Zocker nur eine Lachnummer. Wo wir hinsehen: Desaster. Wenige Gewinner, viele Verlierer, Schönredner überall, die, trotz aller Katastrophen, alles auf ein beherrschbares, zu vernachlässigendes Restrisiko herunter rechnen. Keine Perspektive – nirgendwo. Die Aufklärung hat sich schon in der Stunde, als sie praktisch wurde, nämlich in der Realität der Französischen Revolution mit der Guillotine radikal gegen sich selbst gewendet und hat dann im Jahre 2 vor lauter Ratlosigkeit die GÖTTIN der Vernunft erfunden. Das letzte Jahrhundert war, nur wegen der ungeheuren Zerstörungskraft, die unsere menschliche Erfindungskraft hervorgebracht hat, das Schlimmste bislang überhaupt. Ideologien mit zunächst proklamierten säkularen positiven Werten – wie der Nationalsozialismus oder der Sozialismus stalinistischer oder maoistischer Prägung – haben Massaker angerichtet und Millionen von Toten auf ihrem Konto. Die kritische Theorie hat sich in der Folge mit schönem Schauder und Grausen von der Wirklichkeit abgewendet. Heute produziert der globale freie Markt Katastrophen in Serie, deren schlimmste wohl ist, dass wir alle stillschweigend zulassen, dass Millionen von Menschen verhungern. Also? Was tun? Wenn wir uns in absehbarer Zeit nicht ohnehin mit einem großen Feuerwerk ausrotten, werden wir uns eher schnell einfallen lassen müssen, wie menschenwertes Leben aussehen soll und wie wir diese Vorstellungen umsetzen müssen, bevor alles zuschanden geht. Mehr Licht heißt: das Positive vom Verdikt seiner Trivialität und Barbarei befreien.

Knut Boeser hat in Berlin und Paris Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie studiert. War zunächst Chefdramaturg, dann Intendant am Renaissancetheater Berlin; danach Chefdramaturg an den Staatlichen Schauspielbühnen Berlin; später Chefdramaturg am Theater in der Josefstadt, Wien. War 5 Jahre Dozent (für Drehbuch und Stoffentwicklung) an der „Internationalen Filmschule Köln“. Gab u. a. Bücher über Max Reinhardt, Erwin Piscator und Oscar Panizza heraus. Schreibt Essays, Drehbücher, Theaterstücke und Prosa. War Mitglied der Kuratoriums des Österreichischen Filminstituts; ist geschäftsführender Vorstand im Verband Deutscher Drehbuchautoren; ist Mitglied der Deutschen Filmakademie, Sein Roman Nostradamus wurde in elf Sprachen übersetzt. Lebt in Berlin.

17:30 Uhr Franz Schuh
Modelle gescheiterter Aufklärung. Zu Orhan Pamuks Roman „Das stille Haus“
so 16 10 2011 orhan pamuk
Oran Pamuk

so 16 10 2011 franz schuh
Franz Schuh

Kurz vor dem Militärputsch im September 1980: Drei Geschwister verbringen eine Ferienwoche im alten Haus ihrer Großmutter Fatma am Marmarameer. Nilgün liest Turgenjew und träumt von einer Revolution in der Türkei, ihr Bruder Metin von einer Zukunft in den USA. Faruk, der Älteste, ist über die Trauer um seine geschiedene Frau zum Trinker geworden. Vor dem Hintergrund einer explosiven politischen Lage schildert der Nobelpreisträger Orhan Pamuk in diesem Frühwerk eine verlorene Jugend, die nach ihrem Platz in der Welt sucht und ihn nicht findet. Ein melancholischer, stimmungsvoller Roman, in dem Pamuk verschiedensten Personen eine ganz eigene Stimme verleiht.

Orhan Pamuk, geb. 7. Juni 1952 in Istanbul, gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller der Türkei und ist Träger des Literatur-Nobelpreises 2006. In seiner Erzählkunst vermittelt er zwischen dem modernen europäischen Roman und der mystischen Tradition des Orients. Sein Werk ist mittlerweile in 35 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht.

Franz Schuh, geb. 1947 in Wien. Buchautor und Kritiker; Kolumnist, u. a. für „Die Zeit“, „Neue Zürcher Zeitung“ und „Literaturen“. 1976-1980 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung. Bis 1993 Redakteur der Zeitschrift „Wespennest“. Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik (1985), Jean-Amery-Preis für Essayistik (2000), Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch / Essayistik (2006), Essay-Preis Tractatus des Philosophicum Lech (2009), Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien (2009),
Veröffentlichungen, u. a.: Der Stadtrat. Eine Idylle (Ritter, 1995), Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück (DuMont, 2000), Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche (Zsolnay, 2006), Hilfe! Ein Versuch zur Güte (Styria, 2007) Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst (Zsolnay, 2008), Der Krückenkaktus (Zolnay, 2011).

18:00 Uhr Lutz Ellrich
Überbelichtung
so 16 10 2011 lutz ellrich

Moralisch entfesselte Aufklärung schlägt in Mythologie um. So lautet die berühmte These von Adorno und Horkheimer, die sie einerseits anhand der Irrwege von de Sade und Nietzsche, andererseits der instrumentellen Rationalität moderner totalitärer Regimes veranschaulichen.

Heute wird die Debatte um die „Dialektik der Aufklärung“ zumeist mit Blick auf andere Themen geführt. Es geht um eine vernünftige Begrenzung des Erkenntnisdrangs und das Recht des Subjekts auf Unwissen. Im Vortrag soll die Schwierigkeit der Wissensbegrenzung an einem Beispiel erörtert werden, das die Möglichkeiten und Probleme künstlerischer Aufklärung betrifft. In einer Mischform aus Dokumentation, Essay und Roman ‚beleuchtet‘ der französische Autor Yannick Haenel den Fall Karski. Karski hatte Roosevelt über die Vernichtung der europäischen Juden informiert und versucht, die Alliierten zu Rettungsaktionen zu bewegen. Haenels literarische Rekonstruktion der schicksalhaften Begegnung, über die Karski sich ausschwieg, wirft die Frage auf: Was kann und was darf die Kunst?

Lutz Ellrich ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Köln. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Kommunikationstheorie, experimentelles Theater, Computersoziologie und Konfliktforschung. Einige seiner Publikationen: Beobachtung des Computers (1995), Verschriebene Fremdheit (1999), Die Unsichtbarkeit des Politischen (mit H. Maye/A. Meteling, 2009) und Was spricht für die Folter in Wahrheit und Gewalt (hg. von T. Weitin, 2010).

19:00 Uhr Gesprächsrunde mit Knut Boeser, Franz Schuh und Lutz Ellrich
Moderation Peter Huemer
   
20:30 Uhr Andreas Gruber
 Film Der Kardinal - In Kooperation mit www.ki-0816.at
so 16 10 2011 andreas gruber

Es gibt Personen, und es gibt Persönlichkeiten. Menschen also, die mit Energie, Ausdauer und Weitsicht Wege ebnen, auch dann, wenn es weder bequem noch vordergründig opportun ist. Zweifel inbegriffen, Scheitern nicht ausgeschlossen. Kardinal Franz König war so eine Persönlichkeit. Ihm ist ein filmisches Porträt gewidmet, das von Andreas Gruber gestaltet wurde. Der Film zeigt bruchstückhaft, nicht chronologisch, Stationen eines beeindruckenden Lebens, geht den Brüchen nicht aus dem Weg, orientiert sich an dem, was Zeitzeugen berichten. Regisseur Gruber hat noch selbst mit Kardinal König gearbeitet: 1983 war er Regisseur der Begegnung Jugendlicher mit Papst Johannes Paul II im Wiener Praterstadion.

Andreas Gruber, geb. 1954 in Wels; ist ein österreichischer Drehbuchautor, Film- und Fernsehregisseur; von 1974 bis 1982 Drehbuch- und Regiestudium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien; ab 1978 freiberufliche Tätigkeit für Film und Fernsehen; ab 1979 Regieassistent bei Axel Corti; April 2001 – August 2002 Professor für Drehbuch und Dramaturgie an der Kunsthochschule für Medien in Köln; seit September 2002 Professor für Regie und Drehbuch an der Hochschule für Fernsehen und Film, München. Filme (Auswahl): 1983 Drinnen & Draußen; 1989 Schalom, General; 1994 Hasenjagd – Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen; 1997 Die Schuld der Liebe; 2004 Welcome Home; 2008 Der Kurssturz des goldenen Kalbes auf der Grundlage des Fragments von Walter Benjamins Kapitalismus als Religion. Preise und Auszeichnungen (u. a.): 1990 Max Ophüls-Preis; 1994 Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Film; 1995 Deutscher Kritikerpreis; 1996 Preis des Verbandes Deutscher Kritiker; 1996 Preis der Österreichischen Filmtage Wels; 2000 Goldene Romy für Beste Regie.

Anschließend Gespräch Peter Huemer mit Andreas Gruber