Gmunden, 27.10 bis 30.10.2016

Samstag, 29. Oktober 2016

15:30 Uhr Knut Boeser
Fürchte die Angst, aber habe keine Angst vor der Furcht
Knut Boeser / KUV 2016

1. Angst ist unspezifisch, diffus katastrophal und wird als persönliche, oft als existenzielle Bedrohung empfunden, gegen die man sich kaum wehren kann. Hingegen ist Furcht immer auf eine konkret fassbare, benennbare, analysierbare Gefahr bezogen, der man auch durch rationales Handeln begegnen kann.

2. Populistische Wahlerfolge: In Mecklenburg-Vorpommern z.B. gibt es fast keine Flüchtlinge; es fehlt also die reale Erfahrung mit Flüchtlingen. Kein Wähler hat selbst eine Bedrohung durch Flüchtlinge erlebt - weder körperlich, noch werden ihm der Arbeitsplatz oder die Frau weggenommen; dennoch wählen über 20% AfD, weil sie genau das befürchten. Das sind Wähler, die unter Einfluss von Angstszenarien leben, in denen die Bedrohung nur abstrakt empfunden wird, ohne dass es die reale Gefahr tatsächlich gibt. Deshalb kann vernünftige Aufklärung auch kaum unmittelbar Erfolg haben.

3. Lust an der Angst: Warum sehen wir so gerne Katastrophen- und Kriegsfilme? Warum spielen wir so gerne Videospiele, in denen alles zerschossen wird und Hektoliter von Blut vergossen werden? Warum führen wir so gerne Krieg? Warum vergewaltigen wir so gerne Frauen? Warum werfen wir so gerne Säuglinge gegen Häuserwände?

4. Wo Angst ist, soll Furcht werden. Durch die Kulturarbeit der Verwandlung der abstrakten Angst, der man hilflos ausgeliefert ist, in konkrete Furcht wird nur noch eine konkrete, reale Bedrohung akzeptiert. Es kann mir in der Folge durch rationales Handeln gelingen, mich von der Furcht (und auch von der Angst) zu befreien. (Knut Boeser)

Knut Boeser, Schriftsteller, hat in Berlin und Paris Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Philosophie und Psychologie studiert. Zunächst war er Chefdramaturg, dann Intendant am Renaissancetheater Berlin, später Chefdramaturg am Theater in der Josefstadt Wien. Er betätigte sich fünf Jahre als Dozent (für Drehbuch und Stoffenwicklung) an der Internationalen Filmschule Köln. Er war Mitglied des Kuratoriums des Österreichischen Filminstituts, ist geschäftsführender Vorstand im Verband Deutscher Drehbuchautoren und Mitglied der Deutschen Filmakademie. Er gab u. a. Bücher über Max Reinhardt, Erwin Piscator und Oscar Panizza heraus. Er schreibt Essays, Drehbücher, Theaterstücke und Prosa. Sein Roman Nostradamus wurde in elf Sprachen übersetzt. Knut Boeser lebt in Berlin.

16:00 Uhr Christian Fleck
Die Populismusfalle

Christian Fleck / KUV 2016

 

Populisten sind immer die anderen. Wenn sich aber kaum jemand selbst als Populist bezeichnet, ist es eine Art politische Fata Morgana, die uns Wohl- meinende nun schon seit einem Vierteljahrhundert zum Narren hält? Kann man dem Begriff Populismus einen Sinn abgewinnen, der uns hilft, etwas „da draußen“ besser zu verstehen? Oder ist es dem schlampigen Reden und Denken der quasselnden Klasse zuzuschreiben, dass sie und wir genarrt werden? Was wären erklärende Alternativen, die man heranziehen könnte, um einem Phänomen Herr zu werden, das es ja nun aber offensichtlich gibt? Und was ist dieses Phänomen denn überhaupt?

Christian Fleck, Institut für Soziologie der Universität Graz. 1993/94 Schumpeter Fellow Harvard University, Cambridge/Massachusetts; 1999/2000 Fellow am Center for Scholars and Writers, The New York Public Library, New York; 2008 Visiting Fulbright Professor University of Minnesota, Twin Cities; 2011 Directeur d‘études invité École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris; 2015 Austrian Marshall Plan Foundation Fellow University of California, Berkeley; 2016-2018 Chief Research Fellow Poletayev Institute for Theoretical and Historical Studies, Higher School of Economics, Moskau. Jüngste Buchveröffentlichung: Etablierung in der Fremde. Vertriebene Wissenschaftler in den USA nach 1933, Frankfurt: Campus 2015; Sociology in Austria, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2016.

16:30 Uhr Otmar Lahodynsky
Einschränkungen von Presse- und Meinungsfreiheit. die Rolle der (neuen) Medien in Kriegs- und Krisensituationen

Otmar Lahodynsky / KUV 2016

Die Medienfreiheit in Europa leidet von Jahr zu Jahr unter stärkeren Einschränkungen und Verstößen. In der Türkei landeten nach dem gescheiterten Putsch über 50 Journalisten unter fragwürdigen Anschuldigungen im Gefängnis, regierungskritische Medien wurden geschlossen. In Ungarn und Polen wurden Medien unter Kontrolle der Regierung gestellt. Neue EU-Regelungen schränken investigativen Journalismus ein. Auch aus Angst vor Terrorismus werden Medien strenger kontrolliert. Dazu kommen neue Bedrohungen durch Propaganda, etwa durch staatlich finanzierte Medien in Russland, die Lügen und falsche Mythen über die EU verbreiten.

Otmar Lahodynsky, 1954 in Linz geb., Journalist beim Nachrichtenmagazin profil, Buchautor, Präsident der Vereinigung Europäischer Journalisten (AEJ). Zahlreiche Reportagen aus Osteuropa. Er erlebte 1981 als einziger Journalist aus Österreich die Verhängung des Kriegsrechts in Polen vor Ort. Eines seiner Fotos schaffte es auf die Titelseiten von Time, Paris Match, Espresso u.a. Von 1988 bis 1995 berichtete er für die Presse aus Brüssel. Bis 1996 war er deren stv. Chefredakteur, dann Außenpolitik- Ressortchef beim Kurier. Seit 1998 ist er wieder beim profil an der Schnittstelle Innenpolitik-EU tätig. Interviews mit prominenten Politikern, darunter Ban Ki-moon, José Manuel Barroso, Kofi Annan, Angela Merkel, Michail Gorbatschow, Romano Prodi u.v.a. Bücher: Der Proporz Pakt (1987), Der Österreich-Komplex (gemeinsam mit Wolfgang Böhm, 2000), EU for you! So funktioniert die Europäische Union (2005) - das erste Schulbuch über die EU, das auch in sechs fremdsprachigen Ausgaben (in Slowenien, Kroatien, Rumänien, Estland, Montenegro und auf Türkisch) vorliegt, und Globalisierung: so funktioniert die weltweite Vernetzung (2008).

 

17:00 Uhr Anton Pelinka
Die Aufklärung ist nicht am Ende. Plädoyer für eine europäische Politik der Vernunft

Anton Pelinka / KUV2016

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war durch die Politik des erstmaligen Schreckens und der europäischen Selbstvernichtung gekennzeichnet. Die zweite Hälfte hat - gerade auch im Zuge der Integration Europas - die Lernfähigkeit des Kontinents bewiesen. Nichts spricht dafür, dass dieses dadurch entstandene beste Europa, das es je gab, im 21.Jahr- hundert an seinem Ende angelangt wäre: Vor allem die primäre Grundtugend der Aufklärung, die Skepsis, kann uns gegen die großen Vereinfachungen der politischen Religionen immunisieren - insbesondere gegen die der Nationalismen.

Anton Pelinka, Professor für Politikwissenschaft und Nationalismusstudien an der englischsprachigen Central European University in Budapest. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den Gebieten Demokratietheorie, Politisches System und Politische Kultur in Österreich und der Vergleichenden Parteien- und Verbändeforschung. Er gilt außerdem als Experte für die Themen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Pelinka hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht und ist Herausgeber wissenschaftlicher Schriftenreihen. Zuletzt erschien Israel: Ausnahme oder Normalstaat (2015).

In der Pause

Treffpunkt Foyer

   
18:30

Gesprächsrunde mit Knut Boeser, Christian Fleck, Otmar Lahodynsky und Anton Pelinka

Moderation Peter Huemer

 


20:00 Uhr Karin Kneissl
Zur politischen Situation im Nahen Osten
Karin Kneissl/KUV2016

Karin Kneissl hat ihr halbes Leben im und mit dem Nahen Osten verbracht - mit dem Wunsch zu verstehen und zu helfen, zwischen Todesangst, Frustration und dem Fatalismus einerseits und der tiefen Liebe zu einer Region und den Menschen andererseits. Sie studierte in Jerusalem, organisierte Menschenrechtdebatten in Beirut, führte Interviews im Irak und erlebte den Arabischen Frühling am Tahrir-Platz mit. Als Journalistin, Diplomatin und Lehrende erlebte sie nahöstliche Königspaläste und österreichische Ministerien, deutsche Redaktionen und amerikanische Universitäten, nationale Botschaften und globale Energiekonzerne, backstage und ungeschminkt. Die Nahost-Expertin analysiert die politischen und historischen Voraussetzungen, die zu den Konflikten und Migrationsbewegungen im Nahen Osten geführt haben, und präsentiert ihre persönliche Einschätzung der aktuellen und künftigen Entwicklungen in den Krisengebieten und Europa.

Karin Kneissl, war bis 1998 im Diplomatischen Dienst der Republik Österreich und ist seither freischaffend tätig. Sie schreibt u.a. als unabhängige Korrespondentin und ist gern gesehener Gast für politische Analysen im ORF. Sie unterrichtet in Wien und Beirut. Zahlreiche Publikationen, zuletzt erschienene Bücher u.a.: Testosteron macht Politik (2012), Die zersplitterte Welt (2013) und Mein Naher Osten (2014).

 

Anschließend Treffpunkt Foyer
   
Anschließend

Empfang des OÖ Landeshauptmannes Dr. Josef Pühringer