Gmunden, 27.10 bis 30.10.2016

Freitag, 28. Oktober 2016

11:00 Uhr

Jugendprogramm
Workshops mit Paul Michael Zulehner, Franz Schuh und Renate Becker

 

 

15:30 Uhr

Paul Michael Zulehner
Zwischen Ärger und Zuversicht. Die vielen Flüchtlinge machen uns besorgt

Paul Michael Zulehner / KUV 2016

140.000 schutzsuchende Menschen sind inzwischen in Österreich angekommen. Viele haben schon Asyl bekommen oder werden es noch erhalten. Es ist eine historische Herausforderung für Europa und darin für unser Land, sie in unser gesellschaftliches Leben zu integrieren. Viele haben Angst, dass wir das nicht schaffen. Oder doch?

Paul Michael Zulehner, 1939 in Wien geb., ist Pastoraltheologe und Religionsforscher. Studien der Philosophie, der katholischen Theologie und der Religionssoziologie in Innsbruck, Wien, Konstanz und München. Schüler von Johannes Schasching und Karl Rahner. 1964 Priesterweihe, Kaplan und Subregens im Wiener Priesterseminar. 1973 Habilitierung für Pastoraltheologie und Pastoralsoziologie bei Rolf Zerfaß. Lehrtätigkeit in Bamberg, Passau, Bonn, Salzburg und seit 1984 am Lehrstuhl für Pastoraltheologie und Kerygmatik an der Universität Wien. Langjähriger Dekan der Fakultät, seit 2009 emeritiert. 15 Jahre theologischer Berater der jeweiligen Vorsitzenden des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen, Beiratsmitglied in der Österreichischen Forschungsgemeinschaft. Mitglied der Europäischen und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Mit Kardinal Franz König Gründer des Pastoralen Forums zur Förderung der Kirchen in Ost-(Mittel-)Europa. Zahlreiche Publikationen zu Pastoraltheologie, Religionsforschung und Spiritualität nicht nur für gläubige Zeitgenossen.
2015 Ehrendoktorat der Universität Erfurt.

16:00 Uhr Franz Schuh
Das freie Wort. Eine Hommage an die Leserbriefschreiber der Kronen Zeitung
Franz Schuh / KUV 2016

Vera Russwurm sagt: „Es gibt kaum etwas Wichtigeres als Gefühle.“ Also wird es auch wichtig sein zu wissen, was Menschen fühlen. Ich habe keine Ahnung (aber große Befürchtungen), was Menschen fühlen, die dem sogenannten „Rechtspopulismus“ anhängen. Ich habe mich umgeschaut, aber leider aus dieser Richtung niemanden gefunden. Solche Menschen gibt es in meiner Umgebung nicht. Das Studium der Leserbriefe an die Kronen Zeitung half mir zu verstehen: „Das freie Wort“, da gehen die Wogen der Emotionen hoch!

Franz Schuh, Schriftsteller und Philosoph. 1947 in Wien geb. Buchautor und Kritiker; Kolumnist, u. a. für DIE ZEIT, Neue Zürcher Zeitung und Literaturen. 1976-1980 Generalsekretär der Grazer Autorenversammlung. Bis 1993 Redakteur der Zeitschrift Wespennest. Lehrbeauftragter an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a.: Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik (1985), Jean-Améry-Preis für Essayistik (2000), Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik (2006), Essay-Preis Tractatus des Philosophicum Lech (2009), Goldenes Verdienstzeichen des Landes Wien (2009). Veröffentlichungen, u. a.: Der Stadtrat. Eine Idylle (1995); Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück (2000); Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche (2006); Hilfe! Ein Versuch zur Güte (2007); Memoiren. Ein Interview gegen mich selbst (2008); Der Krückenkaktus (2011); Sämtliche Leidenschaften (2014); Über Kulturpublizistik (2014).

16:30 Uhr Renate Becker
Das ängstliche Selbst oder Der kurze Weg vom Ideal der Selbstverwirklichung zum Zwang zur Autonomie
Renate Becker/KUV 2016

In den letzten drei oder vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wandelte sich unsere Gesellschaft von einer auf Disziplin, mechanischem Gehorsam, Konformität und Verboten gründenden Gesellschaft zu einer solchen, die auf Autonomie, das heißt persönliche Leistung, Wahlfreiheit, Eigenverantwortung und die Initiative des Einzelnen setzt. Dieser Prozess der Aufwertung von Autonomie durchzieht das gesamte soziale Leben; und was einst als individuelle Leistung zur Verwirklichung eigener Ideale und Ziele erbracht werden musste, wird zum Paradoxon: Die Prozesse, die einmal die Steigerung einer qualitativen Freiheit versprachen, sind zur Ideologie, zur Aufgabe der Selbstwerdung geworden - erfahrenes Ungenügen einbegriffen. Aus einem „Darf ich das?“ ist ein „Kann ich das?“ geworden. Wann und wo die eigene Verantwortlichkeit anfängt oder aufhört, muss vorzugsweise selbst bestimmt werden. Da kann der „Schwindel der Freiheit“ (Kierkegaard) dann schon mal zu Unsicherheit, Ängsten, Depressionen und vor allem Handlungsunfähigkeit führen. Und das wird von den politischen und ökonomischen Profiteuren mehr als nur billigend in Kauf genommen.

 

Renate Becker, Literaturwissenschaftlerin und Gestalttherapeutin. Bis 1995 Dozentin am German Department an der University of Warwick/ GB; langjährige Chefredakteurin der Zeitschrift Gestalttherapie; Vorträge und Veröffentlichungen zum Thema „Gender und Darstellungsformen des Weiblichen in der Literatur“.

17:30 Uhr Walter Ötsch
Ökonomisches Denken, unternehmerisches Selbst und Rechtspopulismus. Hintergründe zum Rechtsruck in Europa und in den USA
Walter Ötsch / KUV 2016

Seit den neunziger Jahren hat sich in der Politik eine Denkform „des Marktes“ etabliert, dessen „Gesetzen“ - so wird gesagt - wir uns zu unterwerfen hätten. Das Konzept „des Marktes“ (im Singular) stammt aus der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und wurde von den Ordoliberalen und der Chicagoer-Schule verbreitet; die meisten ÖkonomInnen heute hängen ihm an. Das Denken von „dem Markt“ ist kulturprägend geworden bis hin zu Angela Merkels Diktion einer „marktkonformen“ Demokratie. Dabei wird die Figur des Unternehmers generisch interpretiert: Alle Menschen fallen in diese Kategorie. Die Figur des Politikers wurde zugleich abgewertet: PolitikerInnen, die das in ihr Selbstverständnis übernommen haben, verloren ihr gestaltendes Moment in Bezug auf viele Aspekte der Wirtschaft. Die Folge war eine Ökonomisierung vieler Lebensbereiche, die durch unzählige Kennziffern und „Standards“ durchgesetzt wird. Diese Quantifizierungen führten in vielen Fällen direkt zu einem Absinken von Qualität, z. B. auch auf dem Arbeitsmarkt. Die dadurch ausgelösten Folgen werden heute vor allem im Rechtspopulismus aufgegriffen. Ihre „Lösungen“ stehen aber - ihren Rhetoriken zum Trotz - zu einem Denken „des Marktes“ nicht in Widerspruch, sondern überhöhen es auf eine neue Weise. Diese Entwicklung wurde möglich, weil dem binären Code des „Wir“ („das Volk“, „die Kultur“) versus die „Anderen“ („Flüchtlinge“, „Terroristen“, „System“) im Rechtspopulismus strukturell ein binärer Code von „der Markt“ versus „den Staat“ im Markt-Denken entspricht. Beide Dualitätsformen können direkt miteinander in Beziehung gesetzt werden. Ein gutes Beispiel ist die Alternative für Deutschland (AfD), die vor allem von Ökonomen (die wichtigste Person war Bernd Lucke) gegründet worden ist und sich immer mehr nach rechts entwickelt hat.

 

Walter Ötsch, 1950 geb., ist Ökonom und Kulturhistoriker an der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues. Er hat Ökonomie in Wien und Linz studiert und an mehreren Universitäten unterrichtet. Bis zu seiner Emeritierung hat er an der Johannes Kepler Universität Linz das Zentrum für Soziale und Interkulturelle Kompetenz und das Institut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft aufgebaut und geleitet. Aktuelle Forschungsprojekte betreffen die Geschichte und die Wirkung des ökonomischen Denkens auf die Gesellschaft, institutionelle Aspekte des Wirtschaftssystems und Fragen der Bildlichkeit in Philosophie und Ökonomik. Er gibt im Verlag Metropolis die Reihe Kritische Studien zu Markt und Gesellschaft (mit bislang zehn Büchern) heraus. Walter Ötsch betreut an der Cusanus-Hochschule die Fächer Kulturgeschichte der Ökonomik und Wirkungsgeschichte der Ökonomik.

In der Pause Treffpunkt Foyer
   
18:00

Gesprächsrunde mit Paul Michael Zulehner, Franz Schuh, Renate Becker und Walter Ötsch

Moderation Peter Huemer

Peter Huemer / KUV 2016 Peter Huemer, 1941 in Linz geb., ist Journalist und Historiker. Studium der Geschichte, Germanistik und Kunstgeschichte an der Universität Wien. Ab 1969 Mitarbeiter in der Dokumentationsabteilung des österreichischen Fernsehens. 1974-1976 Mitarbeiter bei Claus Gatterer am TV-Magazin teleobjektiv; 1977-1987 Leiter der Talk-Show Club 2; 1987-2002 Im Gespräch im ORF-Hörfunk; 1989-1994 Moderator Streit im Schloss; Südwestfunk, Saarbrücken; 1992-2001 Moderator Berliner Begegnungen, 3sat. Seit 2003 Lehrtätigkeit an der Filmakademie Wien und seit 2006 auch an der Universität Wien. Zahlreiche Auszeichnungen und Preise für die wissenschaftliche und für die journalistische Tätigkeit, u.a. Kunschak-Preis, Preis der Stadt Wien, Torberg-Medaille, Axel Corti-Preis, Staatspreis für Kulturpublizistik.
Anschließend Empfang des Bezirkshauptmanns Mag. Alois Lanz
   
20:00 Film (Ö/D 2016, 124 Min) : Hannas schlafende Hunde
Regie: Andreas Gruber
Mit Hannelore Elsner, Franziska Weisz, Nike Seitz, Rainer Egger, Christian Wolff und Johannes Silberschneider
Hannas schlafende Hunde / Film von Andreas Gruber / KUV 2016

Wels 1967. Der Krieg ist offiziell vorbei, aber in den Köpfen vieler tobt er noch immer. In dieser Zeit wächst die 9-jährige Johanna auf, die für ihr Leben gerne singt. Doch ihre Eltern verbieten ihr alles, was Freude bereitet. Sie soll sich lieber in katholischer Demut üben und sich unauffällig verhalten. Als sie nach den Gründen zu forschen beginnt, entdeckt sie ihre wahre halbjüdische Identität.

 

In Kooperation mit Kulturiniative 08/16

Anschließend Im Gespräch Andreas Gruber mit Peter Huemer
Andreas Gruber / KUV 2016

Andreas Gruber, 1954 in Wels geb., ist Drehbuchautor, Film- und Fernsehregisseur, Gründungspräsident der OBERÖSTERREICHISCHEN KULTURVERMERKE. Von 1974 bis 1982 Drehbuch- und Regiestudium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien. Ab 1978 freiberufliche Tätigkeit für Film und Fernsehen; ab 1979 Regieassistent bei Axel Corti. 2001-2002 Professor für Drehbuch und Dramaturgie an der Kunsthochschule für Medien in Köln; seit 2002 Professor für Regie und Drehbuch an der Hochschule für Fernsehen und Film, München.

Filme (Auswahl): 1983 drinnen & draußen; 1989 Schalom, General; 1994 Hasenjagd - Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen; 1997 die Schuld der Liebe; 2004 Welcome Home; 2008 der Kurssturz des goldenen Kalbes auf der Grundlage des Fragments von Walter Benjamins Kapitalismus als Religion. Preise und Auszeichnungen (u. a.): 1990 Max Ophüls-Preis; 1994 Kulturpreis für Film des Landes Oberösterreich; 1995 Deutscher Kritikerpreis; 1996 Preis des Verbandes Deutscher Kritiker; 1996 Preis der Österreichischen Filmtage Wels; 2000 Goldene Romy für Beste Regie; 2013 Heinrich Gleißner-Kulturpreis.

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